Zur Startseite

Evakuierung 1945 - Die Vertreibung der Bevölkerung aus dem Jestetter Zipfel

08.01.2017

Im Mai 1945 wurde die Bevölkerung aus den Gemeinden Altenburg, Jestetten und Lottstetten vertrieben. Im Rahmen einer Veranstaltung erinnerte die CDU an dieses geschichtliche Ereignis.

Im Mai 1945 wurde die Bevölkerung aus den Gemeinden Altenburg, Jestetten und Lottstetten vertrieben. Dies erfolgte unter Waffengewalt und ohne Angaben von Gründen; da die Rückkehr unklar war, war die als "Evakuierung" bezeichnete Aktion für die Betroffenen ein traumatisches Erlebnis. Die Flüchtlinge wurden unter anderem in einigen Dörfern der heutigen Gemeinde Ühlingen-Birkendorf untergebracht. Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingslage veranstalte die CDU Ühlingen-Birkendorf einen Vortrag, Referent war Dr. Konrad Schlude, Vorsitzender der CDU Jestetten.

Im Vortrag beleuchtete Schlude die Entstehung des "Jestetter Zipfels" und erklärte den Ablauf der Vertreibung. Am Abend des 14. Mai 1945 wurde der Bevölkerung eröffnet, dass sie die Dörfer am nächsten Morgen um 8 Uhr verlassen müssen. Ein Grund wurde nicht genannt, unklar war insbesondere auch, ob es jemals eine Rückkehr geben würde. Der Zug der Vertriebenen mit Handwagen und Kuh- u. Ochsengespannen führte in mehreren Tagesmärschen in Dörfer des Südschwarzwaldes. Die Vertriebenen wurden zum großen Teil zwar freundlich empfangen, aber natürlich war niemand auf die Einqartierung von mehreren 1000 Personen vorbereitet. Insbesondere die Verpflegung des Viehs war problematisch. Im Lauf des Spätsommers 1946 durften die Vertriebenen dann doch wieder zurück.

Anwesend waren auch etliche Zeitzeugen, die ihre Erlebnisse beschrieben. So wurde berichtet, wie es beim Zusammentreffen der Flüchtlingsströme aus den drei Ortschaften bei der Säge am Ortsausgang von Jestetten ein Stau bildete. Die bewaffneten französischen Soldaten fuhren mit ihren Jeeps um den Elendszug der Vertriebenen.

Klaus Müller, Ortsvorsteher von Ühlingen, berichtete, wie sich durch die Unterbringung der Flüchtlinge und die Stationierung von Soldaten die Einwohnerzahl von Ühlingen innerhalb kürzester Zeit mehr als verdoppelte.

Im Anschluss an die Veranstaltung führte Klaus Müller eine Delegation zur Konradsgrotte. Die Vertriebenen hatten dort 1945 eine mehrtägige Andacht durchgeführt.

 
 

Warum?

Diese Frage beschäftigte die Vertriebenen von Anfang an. Und da kein Grund genannt worden war, gab es viele Spekulationen:

  • Sollte das Gebiet an die Schweiz abgetreten werden?
  • War es eine Vergeltung für die Hinrichtung eines polnischen Kriegsgefangenen?
  • Gab es versprengte SS-Einheiten, die man ohne Bevölkerung leichter bekämpfen konnte?

Wie sich Jahrzehnte später herausstellte, war der Grund die militärische Sicherung der unübersichtlichen Grenze um den Jestetter Zipfel herum.

 
 
Votivbild zum Dank für die Rückkehr, 1951zoom
Votivbild zum Dank für die Rückkehr, 1951
Wegkreuz am Kapellenweg zwischen Lottstetten und Jestetten, errichtet 1995zoom
Wegkreuz am Kapellenweg zwischen Lottstetten und Jestetten, errichtet 1995

Spuren der Evakuierung

Zum Dank für die Rückkehr aus der Evakuierung findet die jährliche Wallfahrt nach Einsiedeln statt. Es gibt aber noch weitere Zeichen des Dankes.

Der Bildhauer Siegfried Fricker malte im Jahr 1951 ein Votivbild. Das Votivbild ist eine zeitnahe Darstellung des Rückmarsches der Vertriebenen und auch deshalb bedeutsam, da die Besatzungsmacht alle Fotoapparate beschlagnahmt hatte.

1995 wurde am Kapellenweg zwischen Jestetten und Lottstetten ein Wegkreuz errichtet.

Nach dem Vorbild von Ühlingen sollte auch eine Konradskapelle/-grotte errichtet werden. Der Bildhauer Siegfried Fricker hatte bereits begonnen, eine Statue des Konrad von Parzham (Altötting) zu machen, aber das Projekt der Konradskapelle wurde nie vollendet.

 
 
 
von links: Dr. Konrad Schlude, Gabriele Schmidt MdB (mit dem Modell der St. Konrad Figur) und Klaus Müller.zoom
von links: Dr. Konrad Schlude, Gabriele Schmidt MdB (mit dem Modell der St. Konrad Figur) und Klaus Müller.
 
 
 

Pressemitteilung CDU Ühlingen-Birkendorf

Eine große Schar Zuhörerinnen und Zuhörer folgten der Einladung des CDU-Gemeindeverbandes Ühlingen-Birkendorf zum Vortrag von Dr. Konrad Schlude über die Zeit der Evakuierung des Jestetter Zipfels 1945. Die Vorsitzende, Gabriele Schmidt MdB, sprach in ihrer Einführung über das derzeit beherrschende Thema „Flüchtlinge“. Diese gäbe es seit Tausenden Jahren, immer wieder mussten Menschen oder ganze Völker fliehen vor Klimaveränderungen, vor Hunger, Perspektivlosigkeit oder Kriegen. Über die besondere Art der Flucht, die Evakuierung der Dörfer Jestetten, Lottstetten und Altenburg sprach Dr. Schlude, dessen Großeltern ebenfalls zu den 3.500 Vertriebenen gehört hatten und der sich intensiv mit diesem Teil der Jestetter Geschichte beschäftigt hat.

Am Abend des 14. Mai 1945 kam der Befehl der französischen Armeeverwaltung, dass die Dörfer bis zum anderen Morgen mit wenigen Ausnahmen geräumt sein mussten. Ohne zu wissen, wie lange und wohin die Flucht dauern würde, zog ein langer Treck über den Klettgau bis in die Orte von Weilheim bis Birkendorf. Ein Schwerpunkt mit rund 700 Jestettern war Ühlingen, wo die vertriebenen Menschen mit ihrem Vieh und ihren Habseligkeiten in den Familien und Bauernhöfen zwangseingewiesen wurden. Groß waren die praktischen Schwierigkeiten, schließlich war niemand mehr nach sechs Jahren Krieg mit Reichtum gesegnet. Ausserdem musste das Dorf rund 200 französische Armeeangehörige verpflegen, die ebenfalls im Ort waren. „Das sind wohl größere Probleme im Vergleich zu heute, wo die Gemeinde bei über 5000 Einwohnern in Frieden und Wohlstand gerade mal 80 Flüchtlinge beherbergt“, so die Vorsitzende.

Viele der Zuhörer hatten persönliche Erinnerungen und tauschten einige Geschichten aus. So wurde erzählt, dass man ein letztes Fässchen guten Weines noch in der Nacht selbst verköstigte, weil man es nicht den Franzosen in die Hände fallen lassen wollte. Es gab mehrere schnelle Heiraten in der Nacht, darunter zwei junge Leute „in Küchenschürze und kurzen Hosen“, wie eine Teilnehmerin von ihren Eltern berichtete. Dr. Schlude brachte einige Chroniken und ein Modell des Heiligen Konrad, zu dessen Ehren die glücklichen Rückkehrer eine Kapelle bauen wollten. Das Dankeschön des CDU-Gemeindeverbandes für den Referenten war die DVD des Jubiläumsjahres „1200 Jahre Ühlingen“ des Ortsvorstehers Klaus Müller, der die Geschichte aus Ühlinger Sicht ergänzen konnte.

Der große Zuspruch und die regen Fragen zeigten, dass auch geschichtliche Themen auf großes Interesse stoßen können.

 
 

Weiterführende Literatur

  • Karl-Hellmuth Jahnke, Dieter Sigg: Die Evakuierung im Mai 1945, Jestetter Dorfchronik 1995, Seiten 43 - 60
  • Karl-Hellmuth Jahnke: Besetzung und Evakuierung des Jestetter Zipfels, Jestetter Dorfbuch 2001, Seiten 291 - 295

Home | Links | Impressum | Sitemap
© CDU Waldshut 2013